www.berlinonline.de - 06. August 2005
Woodstock ist nebenan
Die Toten Hosen für das größte Open-Air-Festival Europas zu engagieren und ihnen als Gage nur die Benzinkosten, ein paar Jägermeister und polnische Sandwichs zu bieten, ist erstaunlich. Dass aber der Hosen-Gitarrist Kuddel von diesem Festival so angetan ist, dass er in diesem Jahr wiederkommt und seine ganze Familie mitbringt das ist wirklich außergewöhnlich.
Wie den Toten Hosen geht es auch den 43 anderen Bands, die beim Przystanek Woodstock-Festival spielen, das seit gestern auf einem ehemaligen Militärgelände in der polnischen Kleinstadt Kostrzyn, direkt hinter der deutsch-polnischen Grenze stattfindet. Sie alle treten für die symbolische Gage von 100 Zloty auf, was etwa 25 Euro entspricht. Dafür jubeln ihnen geschätzte 400 000 Besucher zu, die zwei Tage eine Atmosphäre genießen, die so wohl einzigartig ist: Statt Sicherheitsdiensten und Absperrungen Barfüßige mit Blumen im Haar, die Helfer müssen sich eher um Wespenstiche denn um ausgeschlagene Zähne kümmern. Alles getreu dem Festivalmotto: "Liebe, Freundschaft, Musik".
Neben den deutschen Bands wie Knorkator, Beatsteaks oder Scavenger treten vor allem polnische Spitzenbands und Newcomergruppen aus Moldawien, Spanien und den USA auf. Abseits der 60 Meter breiten Hauptbühne gibt es noch eine Folkbühne. Hier sorgen weitere 16 Bands, darunter eine aus der Ukraine, für die etwas leiseren Töne.
Verantwortlich für das gigantische Großereignis ist Jerzy Owsiak: Der 52-Jährige mit Mecki-Frisur und Ring im Ohr ist der Kopf des Ganzen. Der Journalist, Fernsehproduzent und Fensterbauer organisiert und leitet das Festival - denn es ist das Dankeschön für die Helfer einer jährlichen Spendengala, die Owsiak ebenfalls organisiert. Vor 13 Jahren hatte Owsiak in einer Rundfunksendung darauf hingewiesen, dass in einem Kinder-Herz-Zentrum dringend notwendige Geräte fehlten und gefragt: "was können wir dagegen tun?" Dass sich daraus die größte Spendenorganisation in Polen entwickeln würde, das hat der charismatische Kettenraucher wahrscheinlich nicht erwartet: "Wir hatten plötzlich so viel Geld, dass wir alle Kinderkrankenhäuser mit kardiologischen Geräten ausstatten konnten. Deshalb haben wir uns gefragt, warum wir das nicht wieder machen."
Inzwischen ist daraus die Stiftung "Großes Orchester der Festtagshilfe" entstanden - ein kurioser Name, der aber zum Programm passt: Denn einmal im Jahr überziehen Owsiak und seine rund 100 000 ehrenamtlichen Helfer das ganze Land mit Konzerten und Auftritten, die alle nur den einen Zweck haben - Geld zu sammeln für die Kinderkrankenhäuser des maroden polnischen Gesundheitssystems. Inzwischen kommen dabei jedes Jahr mehr als sechs Millionen Euro zustande, insgesamt hat die Stiftung seit ihrer Gründung über 50 Millionen Euro gesammelt.
Dafür lieben die Polen Jerzy Owsiak, der in Umfragen bei Jugendlichen in der Beliebtheit sofort hinter Papst Johannes Paul II kommt. Und das, obwohl er im eher traditionellen Polen eigentlich nicht zum Vorbild taugt: Der gelernte Fensterbauer hat sich jahrelang mit den verschiedensten Jobs über Wasser gehalten, hat Schiffe geputzt, Pferde verschifft, hat als Psychotherapeut und mit Kindern gearbeitet.
Aber: Im Gegensatz zu vielen Politikern gilt Owsiak als integer, als jemand, der den Finger in die Wunde legt, ohne auf eigenen Profit zu spekulieren. Denn bei aller Begeisterung, mit der die Polen einmal im Jahr nach Weihnachten Geld für ihr eigenes Gesundheitssystem sammeln, ist das "Festtagsorchester" jedes Jahr wieder auch die Erinnerung daran, dass der polnische Staat nicht selbst in der Lage ist, seine Bürger ausreichend zu versorgen.
Ob seiner eigenen Popularität gibt sich Owsiak zwar bescheiden: "Ich glaube, ich treffe den richtigen Ton. Gerade junge Menschen haben das Gefühl, dass ich sie verstehe, dass ich echt bin." Aber ihm ist durchaus klar, welche Volksbewegung er in Polen ins Leben gerufen hat - und welche Bedeutung auch sein Festival nahe der deutschen Grenze hat: "Im letzten Jahr waren auch einige tausend deutsche Besucher auf dem Woodstock-Festival. Da kriegen die jungen Leute was voneinander mit, ihre Zelte stehen nebeneinander, sie hören die gleiche Musik, müssen miteinander klar kommen. Das trägt mehr zur Verständigung und zum kennen lernen bei als das gesamte Deutsch-Polnische Jahr."
Dass die Katholische Kirche in Polen mit dem bunten Vogel Owsiak nicht viel anfangen kann, erstaunt nicht besonders. Denn zum einen sammeln Owsiak und sein Team effektiver Spenden, zum anderen hat die Kirche mit dem Prinzip "Macht, was Ihr wollt und habt Spaß", ihre Schwierigkeiten. Denn darin ist das Przystanek Woodstock-Festival seinem Namensgeber ähnlich: Die entspannte Atmosphäre sorgt auch dafür, dass fast so viel geknutscht wie getanzt wird. Und auch wenn Drogen offiziell strengstens verboten sind, kommt das seelige Lächeln vieler Besucher wohl nicht immer nur vom polnischen Bier und der guten Musik.
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