www.thueringer-allgemeine.de - 08. August 2005
Festival der Schnorrer
Von Clemens Schöll
"Daj mi lyka piwka" ist ein polnischer Satz, dessen Bedeutung auch jeder deutsche Besucher des polnischen Woodstock-Festivals am Wochenende beherrschte.
Dies zumal der dazu hingehaltene leere Becher international verständlich sein sollte: "Gib mir einen Schluck Bier." Bei Preisen von 2,50 Zloty (gut 60 Cent) für den halben Liter und freiem Eintritt mag das verwundern, andererseits gibt es wenig Arten des Schnorrens, bei denen der Spender so unmittelbar erlebt, das er Gutes getan hat.
Das Festival im polnischen Grenzort Kostrzyn (Küstrin), mit mehreren hunderttausend Besuchern nach eigenen Angaben das größte Openair Europas, ist vielleicht die momentan authentischste Verkörperung des Woodstock-Gedankens.
Verantwortlich für das Großereignis ist Jerzy Owsiak: Der 52-Jährige organisierte und leitete das Festival nunmehr zum elften Mal. Jede Band auf der Hauptbühne sagt er selbst an, die meisten Musiker kennt er persönlich, und nach besonders gelungenen Auftritten lässt er die Band mit "Sto lat" ("100 Jahre"), einem polnischen Geburtstagslied, hochleben.
Eine davon sind die "Toten Hosen" - in Polen fast so populär wie "Rammstein" und schon vor drei Jahren Gast beim Festival. Fast noch aufregender der Auftritt der deutschen Band "Knorkator", die in freizügigen Bodys zeigten, warum das Festival in Teilen des katholischen Polens immer noch ein beliebtes Feindbild ist. Als Lohn gibt es nur die Begeisterung des Publikums, gezahlt wird eine symbolische Gage von 100 Zloty, was etwa 25 Euro entspricht. Dennoch ist Woodstock deutscher geworden: Sechs Bands auf der Hauptbühne, eine deutsche Internetseite und die Zahl der Besucher aus dem Nachbarland dürfte inzwischen im fünfstelligen Bereich liegen.
Chaotisch, ursprünglich, laut, liebenswert und nun auch noch Grenzen überwindend - da kauft man gerne einige Biere mehr . . .
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